„Die Automatisierung der Kontraktlogistik befindet sich noch in der Anfangsphase“

Ein Mensch in Besucher-Warnweste blickt auf den AutoStore im FIEGE Logistikzentrum in Apfelstädt

Effizienz, Kostendruck, Fachkräftemangel – es gibt viele gute Gründe dafür, die Prozesse in einem Logistikzentrum zu automatisieren. Doch welche Konzepte, Partner und Technologien sind die richtigen? Jens Veltel, Director Warehouse Automation bei FIEGE, erklärt, warum es für erfolgreiche Lagerautomatisierung keine Universallösung gibt.

Das Thema Lagerautomatisierung ist komplex, die Technologien und damit die Möglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren rasant weiterentwickelt. Lass uns zu Beginn daher eine kurze Bestandsaufnahme machen: Wo stehen wir aktuell? 

Intralogistische Prozesse wurden früher ausschließlich manuell durchgeführt. Im Laufe der Zeit kam es dann zu vereinzelten Automatik-Leuchttürmen, die vor allem eins waren: maßgeschneidert auf einen einzigen Anwendungsfall. Heute basieren unsere Logistikabwicklungen im Regelfall auf hybriden Systemen mit modularen Techniken. Sie werden zwar ebenfalls für konkrete Anwendungsfälle konfiguriert, sind jedoch äußerst flexibel und bleiben somit auch bei sich ändernden Faktoren wie Auftragsschwankungen sehr elastisch. An einigen Stellen sind wir sogar noch ein Stück weiter. Da sprechen wir über Künstliche Intelligenz, humanoide Roboter und über Technologien, die wir uns vielleicht noch gar nicht vorstellen können. Kurzum: Wir bewegen uns von manuellen Prozessen über komplex integrierte Systeme hin zu einer Vielzahl an einfachen modularen Produkten. Und genau da liegt die Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine große Chance.

Porträt von Jens Veltel, Director Warehouse Automation bei FIEGE, steht im Regalgang eines FIEGE Logistikzentrums

Im Gespräch: Jens Veltel, Director Warehouse Automation bei FIEGE. (Foto: FIEGE)

Das klingt kompliziert. Wie finde ich denn die für mich passenden Automatisierungslösungen? 

Ein Patentrezept gibt es nicht. Es ist aber möglich, angelehnt an die ursprünglich bekannten „Sechs R der Logistik“ nun die ergänzenden „Sechs R der Automatisierung“ abzuleiten: das richtige Konzept, die richtigen Partner, die richtige Technologie, die richtige Integration, die richtige Akzeptanz und die richtigen Kosten. Grundlage für jedes Automatisierungsprojekt ist ein durchdachtes Konzept. Dafür gilt es, verschiedene Parameter zu berücksichtigen. Wesentlich ist, dass ein modernes Logistikkonzept maximal flexibel und dafür modular und skalierbar geplant sein muss. Darüber hinaus ist es entscheidend, die einzelnen Module – ob manuelle Bereiche, hybride Komponenten oder automatisierte Technologien – intelligent miteinander zu vernetzen. Und zu guter Letzt spielt natürlich auch das Thema Nachhaltigkeit eine unverzichtbare Rolle.

Angenommen, das tragfähige Konzept steht. Wie geht es weiter?

Im nächsten Schritt müssen wir uns auf die Suche nach den richtigen Partnern und Technologien machen. Um sich hier nicht in der Fülle des Angebots zu verlieren, muss man den Markt sehr gut kennen. Die aktuelle Vielzahl an Anbietern, unterschiedlichen Lagerautomatisierungslösungen und die Fülle an Produkten kann einen gefühlt erschlagen. Das Prinzip Gießkanne hilft bei der Lösungsfindung nicht weiter. Denn was in dem einen Logistikzentrum super funktioniert, kann im nächsten Logistikzentrum völlig nutzlos sein. Es kommt immer auf den konkreten Anwendungsfall an.

Ein KI-basierter Roboterarm greift mit seinem Saugnapf ein Paket am Autostore-Port in einem FIEGE Logistikzentrum

Intelligente Unterstützung: Im FIEGE Logistikzentrum in Greven-Reckenfeld unterstützen zwei KI-basierte Roboterarme von Nomagic. (Foto: FIEGE)

Damit hybride Systeme reibungslos funktionieren, müssen die einzelnen Komponenten sinnvoll ineinandergreifen. Vor allem müssen Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Wo liegt der Schlüssel? 

Wir können uns die Integration der verschiedenen Akteure und Systeme in einem Logistikzentrum wie das Zusammenspiel in einem Orchester vorstellen. Ohne Dirigentin, die mit ihrem Taktstocks das Tempo vorgibt, herrscht Chaos. Nur, dass diese Rolle in einem modernen Logistikzentrum von Software übernommen wird. Sie koordiniert das Zusammenspiel von Warehouse-Management-System, Lagersteuerungssystem und ausführender Hardware wie zum Beispiel fahrerlose Transportsysteme, Fördertechnik und AutoStores. Doch egal, wie gut die Software ist: Am Ende bleiben es Menschen, die die Technologien einsetzen, bedienen und mit ihnen arbeiten. Das soll und wird sich so schnell auch nicht ändern. Um auch Menschen sauber in ein solches System zu integrieren, lautet das Schlüsselwort: Akzeptanz. Das heißt, wir müssen Vertrauen in die Technologien aufbauen, Komplexität reduzieren, Steuerungsmöglichkeiten schaffen und Sicherheit gewährleisten. Nur, wenn wir unsere Teams sorgfältig darauf vorbereiten, ihnen Zeit geben und sie entsprechend schulen, werden sie Roboter als ihre Kollegen und als die hilfreiche Unterstützung, die sie sein sollen, akzeptieren.

Konzept, Partner, Technologie, Integration und Akzeptanz. Jetzt fehlt noch das letzte „R“ – die richtigen Kosten. 

Und hier stehen wir durchaus vor einem gewissen Dilemma. Automatisierung ist auf der einen Seite unverzichtbar, weil sie die heute notwendige Effizienz ermöglicht. Auf der anderen Seite erfordert sie aber auch hohe Investitionskosten, denen gewisse Unsicherheiten gegenüberstehen. Neben der Kapitalbindung sind das beispielsweise kurze Vertragslaufzeiten und wirtschaftliche Risiken. Deshalb ist es wichtig, einerseits gute Finanzierungsmodelle zu finden und andererseits auf Multi-User-Einsatz beziehungsweise Drittverwendbarkeit zu setzen – also die Systeme modular, mobil und skalierbar zu gestalten.

Eine vollautomatische Verpackungsmaschine verpackt ein Paket im FIEGE Logistikzentrum

So viel wie nötig, so wenig wie möglich: Bei FIEGE sorgen vollautomatische Verpackungsmaschinen dafür, die Kolleg:innen zu entlasten und den Verbrauch von Verpackungsmaterial zu reduzieren. (Foto: FIEGE)

Hast Du zum Abschluss noch ein paar Zahlen aus der FIEGE Welt für uns? 

Sehr zufrieden sind wir mit unseren drei AutoStores, die an den Standorten Apfelstädt, Greven-Reckenfeld und Großbeeren für Kunden aus den Bereichen Fashion, Consumer Products und FMCG im Einsatz sind. Zwei weitere AutoStore-Projekte, die Ende des Jahres im Medizintechnik-Sektor an unserem Standort in Münster sowie mittelfristig an einem unserer Standorte in Polen zum Einsatz kommen werden, sind bereits in Planung. Stolz sind wir auch auf unsere beiden KI-basierten Roboterarme von Nomagic in Greven-Reckenfeld. Mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit leisten unsere insgesamt 17 Verpackungsmaschinen wertvolle Arbeit. Sie schneiden das Material bedarfsgerecht zu Somit vermeiden wir einerseits unnötige Füllstoffe und reduzieren andererseits das Versenden von Luft im Paket. Insgesamt sind in der FIEGE Welt mittlerweile über 1.000 Roboter und über 50 Kilometer Fördertechnik integriert – Tendenz nach wie vor stark steigend. Denn die Automatisierung der Kontraktlogistik befindet sich noch in der Anfangsphase.

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