DNV-Interview: Peter Scherbel spricht über strategische Partnerschaften, Angel und Wachstumschancen auf der Letzten Meile

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Greven. Das Magazin Der Neue Vertrieb hat  ein Interview mit Fiege-Vorstand Peter Scherbel veröffentlicht. DNV-Redakteur Johannes Freytag hatte mit Peter Scherbel über strategische Partnerschaften, das von der EU geförderte Projekt Angel und Wachstumschancen gesprochen. Das Interview ist in der DNV-Ausgabe 5/2018 unter dem Titel „Wachstumsmarkt Paketzustellung“ erschienen und ist hier im Original als PDF zu lesen.

Wachstumsmarkt Paketzustellung

Der Logistikdienstleister Fiege setzt seit Jahrzehnten auf eine enge Partnerschaft mit Zeitungsverlagen. Mit ihnen betreibt das Familienunternehmen erfolgreiche Briefdienste und organisiert im Verbund mit  Regionalzeitungen die bundesweite Zustellung von Zeitungen und Zeitschriften. Nun sucht Fiege in der Branche nach Mitstreitern, die gemeinsam mit dem Tochterunternehmen Angel vom wachsenden Paketmarkt profitieren wollen.

DNV: Herr Scherbel, Fiege hat sich mit Wirkung zum 31.12. nach zwei Jahren aus dem Joint Venture Fiege Parzeller Logistik zurückgezogen. War die Zusammenarbeit mit dem Verlag der Fuldaer Zeitung etwas Besonderes oder geübte Praxis?
Peter Scherbel: Grundlegend vorangeschickt betreibt das Haus Fiege seit 27 Jahren Medienlogistik, das heißt, wir sind seit langem mit regionalen, nationalen und internationalen Medienhäusern verbunden. Unsere Arbeit ist in der Regel auf lange Sicht angelegt und nicht auf das Generieren kurzfristigen Erfolgs. Die Dauer der Zusammenarbeit mit Parzeller ist vor diesem Hintergrund eher ungewöhnlich. Wie Sie wissen, haben der Parzeller
Verlag und Fiege ihre Zusammenarbeit aber in einem guten Einvernehmen beendet, nachdem die ursprünglich vereinbarten Hausaufgaben erledigt waren.

DNV: Was war das Ziel Ihrer Zusammenarbeit mit Parzeller?
Scherbel: Fiege sieht sich als ein Logistikpartner, der ab Weiterverarbeitungsende bis in den Briefkasten für die pünktliche Versorgung mit briefkastenfähigen Artikeln wie Zeitungen, Zeitschriften und Warensendungen verantwortlich zeichnet und ebenso Reklamationsmanagement betreibt. Dazu gehört die permanente Optimierung der gesamten Supply Chain, von der Rampensteuerung, über Disposition und Transportorganisation bis hin zum Zuschnitt der Zustellbezirke. Das erfolgt mit einem klaren Blick und moderner ITUnterstützung, immer unter dem Aspekt, Kostensteigerungen in den Griff zu bekommen. Das war in Fulda nicht anders.

DNV: Inwiefern unterscheidet sich das Engagement von Fiege bei Berlin Last Mile von dem Projekt in Fulda?
Scherbel: Die mehrheitliche Übernahme der BZV Berliner Zeitungsvertriebsgesellschaft von den drei Berliner Zeitungsverlagen und die Gründung von Berlin Last Mile im Frühjahr 2017 ist neben unserem großen Joint Venture mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Anmerkung der Redaktion: Medienservice, Mainversand) von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung des Geschäftsbereichs Media + Mail bei Fiege.

Auch in Berlin läuft eine komplette Reorganisation aller Logistikprozesse: von der Frühzustellung der Tageszeitungen über die Sonntagszustellung bis zur Thematik der Anzeigenblätter. Das macht in Summe etwa 3.000 Zusteller aus und ist auch deshalb eine große Aufgabe, weil in Berlin die Auflagenrückgänge bekanntlich besonders hoch sind. Gleichzeitig gilt der Mindestlohn, den wir selbstverständlich umfänglich einhalten. Deshalb müssen wir angesichts steigender Stückkosten unbedingt mit Zusatzgeschäften Menge ins System bringen. Wenn uns das mittelfristig nicht gelingt, laufen wir Gefahr, dass die Zustellung für das Abonnement pro Stück immer teurer wird und durch die daraus resultierenden Preissteigerungen die Abonnement-Kündigungen beschleunigt werden. Damit würde in Berlin unter Umständen eine Grundlage zerstört, die ganz wichtig ist.

DNV: Wo sehen Sie Chancen auf Neugeschäft und Wachstum für Ihr Unternehmen und seine Kooperationspartner?
Scherbel: Wir sehen vier strategische Wachstumsmärkte für die Verlagslogistik der deutschen Zeitungsverlage:

1. In Deutschland ist nach wie vor eine große Menge von personalisierter Werbung unterwegs: Es ist mitnichten so, dass der Geschäftszweig durch das Internet massiv eingebrochen wäre – im Gegenteil. Sowohl Infopost als auch Corporate-Publishing sind Produktsegmente, in denen wir verstärkt akquirieren und in denen sich bereits Erfolge eingestellt haben.

2. Daneben ist der klassische Brief wichtig. Überall dort, wo wir mit Verlagen bereits eng zusammenarbeiten, würden wir am liebsten an das Erfolgsmodell anknüpfen, das uns mit der Sächsischen Zeitung Medialogistik und der Marke PostModern gelungen ist. In Ost-Sachsen stellen wir seit 1999 Briefe zu und haben im vergangenen Jahr erneut ein Volumen von rund 80 Millionen Sendungen erreicht. Der Geschäftsbereich ist dabei sehr profitabel. Deshalb ziehen wir immer wieder in Erwägung, ob sich das Modell auch auf andere Regionen übertragen lässt. Darüber sprechen wir regelmäßig auch mit Verlagen, denen wir sowohl Beratungsleistungen als auch die reale Übernahme von Transport- und Zustellleistungen anbieten, um Kostenreduktionen herbeizuführen und zusätzliche Erlösquellen zu erschließen.

3. Der Briefbereich ist in Berlin keine Option, weil es mit Pin Mail einen sehr erfolgreichen privaten Briefdienst gibt. Es gibt aber eine sehr große Zahl an interessanten Zeitschriften, die selbstredend über die Vertriebsorganisationen von regionalen Tageszeitungen zugestellt werden können. Das tun wir gemeinsam mit Medienservice bereits seit zehn Jahren und sind damit zunehmend erfolgreich, sodass wir mittlerweile Millionen-Auflagen zustellen dürfen. Der Bereich Pressepost in Deutschland umfasst je nach Rechenart immer noch gut 600, vielleicht sogar 700 Mio. Euro Umsatz und wir sind überzeugt, dass wir zukünftig weitere
Marktanteile gewinnen können.

4. Pakete: Wir glauben außerdem, dass nicht nur die Zusteller in der Lage sind, weitere Produkte mitzunehmen. Auch die Transportorganisation von regionalen Tageszeitungen kann mit ihrem hervorragenden Nachunternehmersystem neue Geschäftsfelder erschließen. Wer jährlich in 300 Nächten verlässlich Auslieferungstouren fährt und quittungslos bei Nacht und Nebel Zeitungspakete an Ablagestellen hinterlegt, kann auch höherwertige Dienstleistungen erbringen, z.B. in Form von SameDay-Zustellungen zwischen 18 und 22 Uhr. Genau das hat Fiege mit seinem jüngsten Tochterunternehmen Angel Last Mile bereits in verschiedenen
Städten getestet, wo wir im Auftrag von Kunden aus dem E-Commerce Paket- und Warensendungen nach vorheriger Avisierung durch eine entsprechende App an die jeweiligen Privatadressen zustellen.

DNV: Wie geht es in diesem Jahr mit dem Projekt Angel für die Abendzustellung von Paketen weiter?
Scherbel: Wir sind mittlerweile über das Projektstadium hinaus und haben als Fiege-Gruppe entschieden, dass wir Angel als eigenständige Gesellschaft weiterentwickeln wollen. Wir befinden uns bereits in Gesprächen mit Verlagshäusern, die mit uns tagsüber brachliegende Ressourcen in Form von Umschlagsflächen und Fahrzeugen nutzen und sich gleichzeitig ein neues Geschäftsfeld erschließen könnten. Außerdem arbeiten wir daran, mehr Menge in das System zu bringen. Darüber sprechen wir mit weiteren potenziellen Kooperationspartnern aus dem E-Commerce.

DNV: Es gibt bereits eine Reihe von Anbietern, die im Bereich der Abendzustellung tätig sind. Gerade in einer Stadt wie Berlin, die Sie ja als wichtigen Markt beschrieben haben, ist die Konkurrenz groß. Warum werden Sie trotzdem erfolgreich sein?
Scherbel: Im Prinzip aus drei Gründen. Erstens haben wir zuverlässige Zusteller, für die wir uns verbürgen können, weil wir durch unsere gewachsenen, verlässlichen Strukturen ordentliche Mitarbeiter und Nachunternehmer haben. Ich glaube, das ist der wesentliche Unterschied zur Vielzahl der SameDay-Dienstleister. Im Gegensatz zu uns haben viele das Problem, dass sie schlicht und ergreifend auf gar keine Menge kommen, weil sie häufig als Zustell-Ressource variabel auf irgendjemand zurückgreifen. Das ist nicht unbedingt der Königsweg für die letzte Meile.

Zweitens haben wir im Rahmen des EUForschungsprojektes
Nextrust eine wirklich hervorragende Systemplattform entwickelt, die es Angel nun ermöglicht, von der Schnittstelle im Warenwirtschaftssystem des Versenders bis hin zur Avisierung beim Endkunden für Transparenz zu
sorgen. Gleichzeitig sind wir in der Lage, mit diesem System sehr gut zu disponieren und eine Logik aufzubauen, mit der die Zustellung auch in großen Ballungszentren in einer optimalen Art und Weise organisiert werden kann.

Drittens haben wir die richtigen Partner. Fiege arbeitet nicht nur seit langem mit renommierten Verlagen zusammen, die als Referenz und auch als Multiplikator ideal sind. Wir verfügen zudem über umfassende
Erfahrungen in der Betreuung von Logistikstandorten und Sendungsvolumina von Kunden aus E-Commerce und dem Multi-Channel-Handel. Zukünftig werden wir in der Lage sein, die gesamte Transportkette abzubilden, vom Lager bis zur Zustellung.

DNV: Kann nicht gerade das Finden und Binden von Zustellern auch für Angel ein Problem werden?
Scherbel: Wir möchten bei dem Thema, wie gesagt, weniger auf die Zusteller als vielmehr auf die Transportunternehmer bzw. -fahrer zurückgreifen. Alleine in Berlin haben wir rund 100 Fahrzeuge, die sich nur darum kümmern, nachts Zeitungspakete auszufahren. Ich muss gar nicht mit 100 Touren beginnen. Wenn wir nur ein Fünftel gewännen und jeder würde 50 Sendungen zustellen, dann hätten wir 1.000 Sendungen am Tag. Und die zu generieren – das wird Fiege wohl gelingen. DNV: Wie experimentierfreudig sind Ihre Großkunden? Reicht es, wenn Sie Ihnen nur einzelne Städte anbieten können? Scherbel: Natürlich hört man gelegentlich: „Das klingt wirklich vielversprechend, aber kommen Sie doch mal wieder, wenn Sie 40 Prozent Haushaltsabdeckung haben.“ Dennoch bin ich von unserem Produkt überzeugt, weil wir unter dem Aspekt der Mehrfachnutzung vorhandener Ressourcen mit relativ geringen Fixkosten auskommen. Wir suchen diese Mengen und werden sie auch finden.

DNV: Sie haben das Briefgeschäft als eine der wichtigsten Säulen für die Zukunft der Verlagslogistik bezeichnet. Zuletzt haben sich einige Verlage wieder aus dem Postmarkt zurückgezogen. Bereitet Ihnen das Sorge? Oder hat Fiege noch etwas in der Schublade?
Scherbel: Die weißen Flecken im privaten Postmarkt wird auch die Fiege-Gruppe nicht im Alleingang schließen können. Wir wissen wirklich genau, was es bedeutet, und kostet, in einer Stadt einen Briefdienst aufzubauen. Das geht nur in einer ganz engen Kooperation mit einem guten Verlagshaus, welches die Chancen und Notwendigkeiten der Logistik erkennt. Wenn Sie alleine starten, schaffen Sie das nicht.

Quelle: www.dnv-online.net

Über die
FIEGE Gruppe

Die Fiege Gruppe mit Stammsitz in Greven, Westfalen, zählt zu den führenden Logistikanbietern in Europa. Ihre Kompetenz besteht insbesondere in der Entwicklung und Realisierung integrierter, ganzheitlicher Logistiksysteme. Sie gilt als Pionier der Kontraktlogistik. Die Gruppe erwirtschaftete 2017 mit über 12.900 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von 1,55 Milliarden Euro. 185 Standorte und Kooperationen in 15 Ländern bilden ein engmaschiges logistisches Netzwerk. 2,9 Millionen Quadratmeter Lager- und Logistikflächen sprechen für die Leistungsfähigkeit des Unternehmens.