FAZ-Unternehmergespräch mit Jens und Felix Fiege: "Unsere Lagerhallen sind unsere Visitenkarten"

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Das Unternehmergespräch: Jens und Felix Fiege, Cousins und Vorstände des Logistikkonzerns Fiege

"Die Lagerhallen sind unsere Visitenkarten"

Die Westfalen betreiben Logistikzentren für Industrie und Handel. Menschen und Roboter sollen dort bald Hand in Hand arbeiten.

GREVEN, 19. März. Die Dimensionen sind gewaltig. Gemessen an den bei Fiege üblichen Maßstäben, gehört das Logistikzentrum im niedersächsischen Burgwedel allerdings eher in die mittlere Größenklasse. Der Neubau an der A 7, so groß wie sechs Fußballfelder, wird Ende des Jahres zum Warenverteillager für Kunden aus der Modebranche und dem Online-Handel. "Die Logistikzentren sind unsere Visitenkarten", sagt Jens Fiege. Der 42 Jahre alte Diplom-Kaufmann führt zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Cousin Felix und zwei familienfremden Vorständen die Geschäfte des Traditionsunternehmens aus dem westfälischen Greven. Ihren Kunden aus Industrie und Handel bietet die Gruppe als "Systemorganisator", wie es die beiden Vorstände nennen, weit über Transport und Lagerhaltung hinausreichende Leistungen an: von Montage- und Verpackungsarbeiten über Callcenter-Dienste bis hin zum Retourenmanagement und zur Zahlungsabwicklung für E-Commerce-Anbieter.

Mit seinen rund 10 000 Mitarbeitern und einem im vorigen Jahr auf knapp 1,5 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz gehört Fiege zu den führenden Anbietern in Europa. "Unser Anspruch ist es, komplette Logistikketten und -systeme zu organisieren und zu steuern", sagt Jens Fiege. Entsprechend vielschichtig und meistens auch kapitalintensiv ist die Zusammenarbeit mit den Kunden. "Beide Seiten brauchen Schutz und Planungssicherheit. Vertragslaufzeiten von 8 oder 10 Jahren sind deshalb nicht ungewöhnlich", erläutert Felix Fiege. Ihren Fuhrpark haben die Vettern auf das Minimum zurückgestutzt. Nur noch etwa 100 der meist cremeweißen 40-Tonner haben sie in der eigenen Flotte, außerdem mehrere Dutzend Sprinter und 7,5-Tonner. "Die meisten Transportleistungen sind standardisiert und können besser flexibel zugekauft werden. Das Kapital investieren wir lieber in Informationstechnik und Standorte", sagt Felix Fiege.

Dieser Schwenk ist eine Lehre aus der zehn Jahre zurückliegenden missglückten Übernahme der Hamburger Spedition TTS. Die Transaktion hatte die Gruppe vorübergehend in Schieflage gebracht. "Wir stehen wieder auf sicherem Boden. Das ist eine Leistung unseres tollen Teams aus Kollegen und Mitarbeitern, die sich selbst als Unternehmer sehen", sagt Jens Fiege. Der Schuldenberg wurde kräftig abgetragen, das Eigenkapital gestärkt. Und auch die Rendite zeigt nach oben. Bezogen auf das Betriebsergebnis, waren es 2016 immerhin 3,4 Prozent.

Eigene Fahrzeuge werden nur noch dort eingesetzt, wo spezielle Anforderungen erfüllt werden müssen. Dazu gehört die Krankenhauslogistik, in der Fiege als deutscher Marktführer rund 150 Kliniken mit 21 400 Betten versorgt. Auch in der Industrie- und Handelslogistik brummt es. Entlang der deutschen Autobahnen stehen Dutzende der gigantischen Logistikzentren, aus der Ferne gut zu erkennen am sechseckigen Fiege-Logo mit dem roten Winkel. "Gebaut wird teils auf eigene Rechnung, teils zusammen mit anderen Investoren", sagt Jens Fiege. Mitunter übernehmen die Westfalen auch nur den Lagerhaltungsbetrieb, während der Kunde die Halle errichtet.

Nach diesem Muster funktioniert etwa die Zusammenarbeit mit Zalando. Seit acht Jahren ist Fiege Logistikpartner des größten europäischen Internet-Modehändlers. Jetzt ist ein neuer Großauftrag unter Dach und Fach: der Betrieb des neuen Logistikzentrums in Polen, von wo Kunden in16 europäischen Märkten beliefert werden sollen. Rund 1000 Fiege-Mitarbeiter werden dort mittelfristig den Warenversand übernehmen. "E-Commerce und Multi-Channel-Konzepte des Handels sind für uns Wachstumstreiber Nummer eins", sagt Jens Fiege. Die Westfalen bieten Online-Händlern nicht nur logistische Unterstützung, sondern ein Rundum-Paket. "Alles, was nach dem Klick auf den Kauf-Button zu tun ist, übernehmen wir", erläutert Felix Fiege. Für die kommenden Jahre rechnet er aus dem E-Commerce mit Umsatzsteigerungen in der Größenordnung von 20 Prozent. Wichtige Impulse kämen dabei aus dem wachsenden grenzüberschreitenden Online-Handel, nicht zuletzt zwischen Asien und Europa. "Viele deutsche Marken sind in China viel bekannter, als man hierzulande glaubt. Dieses Potential wird teilweise noch völlig unterschätzt", glaubt Felix Fiege. Das Unternehmen baut dafür ein Standbein in China auf. Erste Lagerflächen wurden in Betrieb genommen, an neun Standorten arbeiten schon mehr als 200 Mitarbeiter.

In Deutschland dagegen macht den Westfalen der Mangel an Fachkräften zunehmend zu schaffen. "Deshalb gehen wir mit unseren Logistikzentren gern in strukturschwächere Gegenden, weil wir dort leichter Personal finden", sagt Jens Fiege. Manche Kunden haben bei der Standortwahl allerdings andere Kriterien: So wie jetzt Haribo, für die Fiege vom Sommer an Goldbären und Lakritzschnecken auf den Weg bringen soll. In der Gemeinde Grafschaft unweit von Bonn baut der Süßwarenhersteller ein neues Werk und Hochregallager. "Wir brauchen dort mindestens 100 Leute - nicht so einfach in einer Gegend, in der praktisch Vollbeschäftigung herrscht", sagt Felix Fiege.

Im vorigen Jahr hat die Gruppe an die 1000 Mitarbeiter neu eingestellt, mit der gleichen Größenordnung rechnet er für 2017. Auch deshalb bemüht sich das Unternehmen so intensiv wie kaum ein anderes, Flüchtlinge als Mitarbeiter zu gewinnen. "Politik und Unternehmen müssen viel mehr tun, um die vielen fleißigen und begabten Menschen so schnell wie möglich in Lohn und Brot zu bringen", sagt Jens Fiege. Wie es gehen kann, zeigt ein Projekt in einem Bremer Lagerhaus. Im Oktober haben dort 11 Männer aus Ägypten, Syrien, Somalia, Eritrea und Afghanistan angefangen. Jeweils 3,5 Stunden am Tag bekommen sie im Unternehmen Deutschunterricht und lernen Grundfertigkeiten in Lagerhaltung und Logistik. Bis auf zwei sind alle Kandidaten noch dabei. "Die zeigen so viel Engagement, dass wir sie im April voraussichtlich allesamt übernehmen werden", sagt Felix Fiege. Rund zwei Dutzend Flüchtlinge stehen schon auf der Lohnliste. Dass die Integration vergleichsweise reibungslos funktioniert, hängt auch mit der jetzt schon buntgemischten Belegschaft aus rund 80 Nationen zusammen. An vielen Standorten werden die Neuankömmlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten Kollegen aus der alten Heimat finden.

Gewöhnen müssen sich die Mitarbeiter bald an Kollegen ganz anderer Art: Roboter. In einem Lager in Ibbenbüren setzen die Vorstände bereits die ersten digitalen Helfer ein. Drei Roboter des Münchener Unternehmens Magazino holen dort Schuhe für Online-Bestellungen aus den Regalen. Noch sind die mechanischen Picker in der Ausbildung. Entwickler von Magazino legen letzte Hand an und bringen ihren Zöglingen bei, was bei Fiege wie zu tun ist. "Wenn alles gut läuft, können wir uns vorstellen, einige Dutzend Roboter in Betrieb zu nehmen", sagt Felix Fiege. Muss die Belegschaft also bald um ihre Arbeitsplätze fürchten? Das sehen die beiden Vorstände ganz anders. Sie glauben, dass Roboter Menschen nicht ersetzen, sondern ergänzen. "Beide werden Hand in Hand arbeiten", sagt Jens Fiege. "Roboter übernehmen die langen Wege und langweiligen Routinen, damit sich die Menschen auf die interessanten und anspruchsvolleren Aufgaben konzentrieren können." HELMUT BÜNDER

 

Das Unternehmen

Die Fiege Logistik Holding Stiftung & Co. KG mit Sitz in Greven versteht sich als "Pionier der Kontraktlogistik". Als Fuhrbetrieb im Jahr 1873 von Joan Joseph Fiege gegründet, betreibt sie Lagerhäuser für Kunden aus Industrie und Handel, organisiert Logistikketten und bietet Zusatzleistungen. Wachstumstreiber ist der Online-Handel, für den Fiege das Retouren-Management, Callcenter-Dienste und die Abwicklung von Zahlungen übernimmt. Fiege ist in 15 Ländern mit rund 160 Standorten aktiv. Mit 10 000 Mitarbeitern wurde 2016 ein Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet.

 

Die Unternehmer

Jens Fiege (links), 42 Jahre, und Cousin Felix Fiege, 38, führen das Unternehmen in fünfter Generation. Zur Seite stehen ihnen zwei familienfremde Vorstände. Jens Fiege ist Diplom-Kaufmann und hat seine Karriere bei Bertelsmann Ventures und Lufthansa Technik begonnen. Seit 2009 ist er Mitglied des Vorstands. Felix Fiege ist 2012 in die Führung aufgerückt. Nach dem Abschluss an der European Business School in Oestrich-Winkel hat er bei Unilever und Haniel gearbeitet. Beide sind verheiratet und haben Kinder. Ihre Hobbys: Fußball, Tennis, die Jagd.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2017

Julian Mester
Pressestelle

About the

FIEGE

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The Fiege Group, headquartered in Greven/Germany, is one of Europe's leading logistics providers. Its competence lies particularly in the development and realisation of integrated supply chain systems, and it is considered a pioneer of contract logistics. In 2016, the Group generated a turnover of Euro 1.45 billion world-wide with a workforce of 12,338. 178 locations and co-operations based in 15 countries form a dense supply-chain network. 2.8 million square metres of warehouse and logistics space vouch for the company's efficiency.